Kühlwagen für Transporte in der Ukraine gefallener Opfer zu ihren Angehörigen

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Kühlwagen für Transporte in der Ukraine gefallener Opfer zu ihren Angehörigen
Maxim Juschak berichtet in unserer Facebook Gruppe:

Unser Kühlwagen ist in der Ukraine!
Vor ein paar Wochen hatte ich eine Nachricht von Vlad Chernyayev übersetzt (s.u.), die uns allen hier ziemlich schwer im Magen gelegen hat.
Eine Gruppe von Freunden aus seiner Kirche in Kremenchuk ist bereit, mit ihm zusammen im Wechsel, gefallene Soldaten in schwarzen Paketen zu ihren Familien nach Hause zu
fahren. Das ist ein unfassbar schwerer Job. Wir haben lange gesucht um ein gutes Fahrzeug zum fairen Preis zu finden. Letztendlich konnte ich es in Hamburg kaufen.
Nach kurzem Zwischenstopp bei einer befreundeten Ärztin im Ruhrgebiet, konnte ich das Auto bereits voll mit sehr wichtigen medizinischen Dingen nach Worms bringen.
                                                                             Ist möglicherweise ein Bild von 1 Person und Transporter     Ist möglicherweise ein Bild von 4 Personen, Transporter und Text
Dann haben die Brüder Ernst und Alfred (keine ukrainische Sprachkenntnisse) das Auto bis Lviv gefahren und übergeben. Jetzt ist es an Ort und Stelle in Kremenchuk. Für mich ist das eine riesige Erleichterung, dass wir hier ein paar starke Rentner im Team haben, die diesen Job einfach auf sich nehmen. Ernst war bei der letzten Tour im April das erste Mal dabei. Wir haben uns lose auf dem Kauflandparkplatz hier in Worms kennengelernt und daraus ist mittlerweile noch eine Freundschaft entstanden, bei der ich denke, das man sich schon eine Ewigkeit kennt. Jedenfalls bin ich froh und dankbar, dass alles so gut geklappt hat.
Unser Team in der Ukraine aber umso mehr: Denn zwei der Jungs haben letzte Woche so eine Hilfsfahrt mit einem ausgeliehenen Fahrzeug gemacht. Der geliehene 
Kühlwagen war super schlecht in Schuss und der Motor ist unterwegs abgeraucht. Sie mussten die ganze Nacht auf den Abschleppdienst warten. Mit einem Kofferraum voll schwarzer Pakete. Wartende Trauergäste. Verschobene Beerdigungen. Eine Menge Telefonate und Tränen die in dem Meer aus Leid einfach nochmal zu viel sind. Ich bin zuversichtlich, dass das zumindest mit unserem Auto nicht nochmal vorkommt.

Das linke Foto zeigt die Jungs, die diesen Job machen werden.
Die jungen Männer sind Mitglieder der Kirchengemeinde von Vlad und möchten ihrem Land einen Dienst leisten. An der Front zu kämpfen ist für sie keine Option, auch aufgrund ihrer christlichen Werte. Der Job, den sie mit dem Kühlwagen verrichten, ist aber nicht weniger hart. Auch sie sind unsere Helden. Wir beten für sichere Wege und starke Nerven. Möge Gott sie auf jeder Fahrt begleiten und den Angehörigen der gefallenen Soldaten Trost schenken.
Ist möglicherweise ein Bild von 2 Personen und Text
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Nachfolgend der ins Deutsche übersetzte Text, den und Vlad im Mai geschickt hat:

„Hallo Maxim, ich bin diese Nacht von der anstrengendsten Fahrt zurückgekehrt, die ich bisher gemacht habe. Diese Hilfsfahrt dauerte drei Tage. Wir haben insgesamt 24 Körper von gefallenen Soldaten an ihre Familien zurück gebracht. 
Dafür habe ich hier in der Ukraine 1600 km zurück gelegt. Fast alles, was an Schwierigkeiten dabei eintreten konnte, ist eingetreten. In Charkiv sind wir nachts unter Beschuss geraten, als wir dabei waren Körper aus dem Leichenhaus zu tragen. Ich musste diese Körper teilweise umpacken, weil die Transportsäcke gerissen waren. Überall floß immer wieder Blut aus den Säcken. Es war sehr kompliziert. Wir mussten uns beeilen und konnten uns kaum ausruhen.
In zwei Tagen haben wir insgesamt drei Stunden geschlafen, weil Angehörige auf uns warteten und die Beerdigung für den nächsten Tag geplant war. Diese Aufgabe war körperlich, geistig und moralisch sehr schwierig durchzuhalten, aber es ist ein echter christlicher Dienst. Viele müssen sich bei solchen Aufgaben übergeben und eigentlich kann ich auch kein Blut sehen. Ich weiss nicht, wie ich das durchgehalten habe. Irgendwie. Mit Gottes Hilfe.
Die Hilfsorganisation, für die wir gefahren sind nennt sich „На щеті“ (zu dt. „Auf dem Schild“, in Anlehnung an einen griechischen Brauch, bei dem gefallene Soldaten auf dem Schild zurück zu ihrer Familie getragen wurden).
Das Auto, das uns für diese Arbeit ausgeliehen wurde, war eigentlich nicht fahrtauglich. Es gab Probleme mit dem Getriebe, aber das Hauptproblem war, dass das Kühlsystem nicht richtig funktionierte.
Gestern war es tagsüber sehr heiß und es entstanden nicht zu ertragende Gerüche. Die weiteren sehr unangenehmen Details, erspare ich euch. Aber ihr sollt wissen, dass die Konsequenzen bei einer Unterbrechung der Kühlkette gerade im bevorstehenden Sommer fatal sein können. Die Konsequenzen von Verwesungsprozessen und der damit einhergehenden Seuchengefahr darf man nicht unterschätzen. Wir benötigen dringend ein Fahrzeug mit funktionierendem Kühlsystem. Vor allem um sicherzustellen, dass die Hinterbliebenen würdevoll Abschied nehmen können. Fotos von den Verstorbenen zu machen, ist verboten. Das versteht sich von selbst. Mein Stresslevel war aber auch so hoch, dass ich nicht daran gedacht habe, während der Fahrt etwas zu berichten.
Nie im Leben hätte ich gedacht dass ich einmal in Leichenhäuser fahren, Körper mit tlw. abgerissenen Beinen tragen, umpacken und sie ihren Angehörigen übe
rgeben würde. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn aus den persönlichen Dingen eines Toten heraus ein Handy klingelt. Jemand versucht einen Angehörigen oder Freund zu erreichen, der nicht mehr hier ist. Das ist sehr aufwühlend. Nicht zu beschreiben. Aber es ist Realität. Wir wären sehr dankbar, wenn wir es schaffen, ein Fahrzeug mit Kühlsystem für diese Aufgabe zu organisieren. Von der Kirche aus haben wir hier ein kleines Team von 8-10 Freiwilligen, die bereit wären, diese Aufgabe mit mir zu übernehmen. Wir könnten uns so abwechseln, dass das Auto jede Woche im Einsatz ist. Mit den Körperflüssigkeiten und dem Blut, mit dem wir umgehen müssen, kannst du dir vorstellen, dass das Fahrzeug schon nach der ersten Fahrt für nichts anderes mehr genutzt werden kann.
Es sind Wenige, die bereit sind, das hier freiwillig zu tun. Aber einige Christen, so wie ich, möchten aus moralischen Gründen diesen Dienst verrichten. Vielleicht können wir auf diese Weise unserem Land dienen und Gott bewahrt uns noch eine Weile vor dem Kelch der Einberufung. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Aber wir wissen, dass diese Aufgabe wichtig ist und irgendwie gemacht werden muss. Wir sind bereit dazu.
Danke, für deine Unterstützung und dass ihr uns noch nicht vergessen habt, obwohl diese Realität für euch sehr weit weg sein muss.
Vlad“
de_DEDE
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